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Lehrer übernehmen die Führung – nur Wie?



 
Lehrer tun viel, um bei Ihren Schülern beliebt zu bleiben oder zu werden. Sie halten das vielleicht für einen Teil der Erziehung der Schüler, aber eigentlich ist es eine Art sich selber als Lehrer zu vermarkten. Die meiste Zeit hat diese Art von Aktivität keinerlei Wert für Kinder. Bei Führerschaft geht es nicht darum beliebt zu sein, es geht darum relevant und in der Führung zu sein.
Auch wenn Kinder kompetent sind, wissen sie nicht alles und es gibt zwei wichtige Gebiete, in den Kinder überhaupt keine Kompetenz haben. Das erste ist, dass Kinder bis etwa 10 Jahren nicht für sich selber sorgen können. Das Zweite ist, dass Kinder nicht verantwortlich oder mitverantwortlich für die Qualität ihrer Beziehung zu den Lehrern sein können. Da ihr Wohlergehen und ihre persönliche als auch soziale Entwicklung primär von der Qualität der Beziehung abhängt, ist es ausschlaggebend, dass Lehrer sich das merken.
Es hat sich gezeigt, dass Kinder nicht verantwortlich sein können für die Qualität ihrer Beziehung mit den Lehrern. Das ist nicht nur eine Meinung oder eine Philosophie, es ist eine etablierte Tatsache. Das werden Sie selbst sehen können, wenn Sie eine Klasse beobachten, in der der Lehrer nicht willens oder fähig ist, diese Verantwortung zu nehmen und auszuüben. In diesen Schulklassen geht es den Kindern nicht gut und ihre Entwicklung ist gestört (und natürlich geht es den Lehrern auch nicht gut!).
Dieses Wissen über Kinder widerspricht der allgemeinen Praxis der Lehrer in den letzten 250 Jahren. Für Generationen haben Lehrer einen sehr destruktiven doppelten Standard gelebt und manche leben ihn immer noch. Dieser doppelte Standard besagt, wenn meine Schüler erfolgreich sind, ist es mein Erfolg oder ich habe eine gute Klasse, gute Schüler. Wenn Schüler nicht erfolgreich sind, werden die Schüler beschuldigt oder die Kinder schuldig gemacht. Dieser doppelte Standard hat wahrscheinlich mehr menschliches Leid verursacht wie irgendein anderes historisches oder aktuelles Verhalten von Lehrern. Das bedeutet, dass Sie als Lehrer immer verantwortlich sind für die Qualität Ihrer Beziehungen zu Ihren Kindern und Jugendlichen. Das bedeutet nicht, dass immer Harmonie, Zufriedenheit und Glück vorherrschen wird, es bedeutet aber, wenn Sie oder die Kinder und Jugendlichen in Ihrer Klasse ununterbrochen frustriert oder unglücklich oder wütend sind, ist es Ihre Verantwortung Ihren Teil der Beziehung zu verändern, das heißt Ihr Verhalten zu ändern.
Jetzt kommt die gute Nachricht, an dieser Stelle (nämlich bei Ihrem Verhalten und Ihrem Teil der Beziehung) sind Sie sehr handlungsfähig! Damit können Sie direkten Einfluss auf die weitere Entwicklung nehmen!


Lehrer und Führung
 
Manche Lehrer und Eltern sehen ihr Kind nicht wie es ist sondern auf ein späteres Ziel hin. Ziele sind: die Klasse zu schaffen, den Übertritt zu schaffen, den Abschluß zu schaffen. Was das Kind jetzt und heute ist, gilt nur als Durchgangsstadium, als Noch-nicht-Zustand. Das Kind darf nicht einfach Kind sein und auf seine Art lernen. Das Kind bekommt von uns vermittelt, dass es nur etwas gilt, wenn es so wird wie es die Erwachsenen haben wollen. PISA-Tests erzeugen dabei nur noch mehr Unruhe. Aus den unbefriedigenden Leistungen der Schüler werden die falschen Schlüsse gezogen: Statt die Fähigkeiten der Lehrer durch Weiterbildungen zu stärken und den Lernstoff auf Wesentliches zu verringern, wird auf die Kinder noch mehr Druck ausgeübt. Mit den bekannten schlechten Folgen für Lehrer, Familien, Schüler.

Dabei sind wir "alle im Werden und hoffentlich nicht fertig wie Drechselpuppen, wo höchstens noch der Anstrich fehlt", wie Goethe einst sprach.

Die Arbeit in Kindergärten, Schulen ist äußerst anspruchsvoll. Sie gelingt nur wenn wir bereit sind uns selbst zu zeigen un duns selbst einzubringen, und aus der Rolle herauszuspringen die uns angeboten wird. Pädagogen bewegen sich in ständig wechselnden Beziehungen. Sie müssen sich ihrer eigenen Grenzen bewusst sein und diese vertreten, ohne die Grenzen der Kinder und Jugendlichen, mit denen sie arbeiten dabei zu verletzen. Fachkräfte brauchen ein konstruktives Verhältnis zu ihren persönlichen und beruflichen Einschränkungen, damit sie für sich und ihr handeln Verantwortung übernehmen können. Es ist fast unmöglich sein eigenes Tun ausschließlich mit sich selbst zu reflektieren. Ohne Rückmeldung von außen bleiben einem die meisten der eigenen Verhaltensmuster verborgen. Hierzu bieten wir kollegiale Reflexion an. Dabei sind die Klärung der Verantwortlichkeit und das Verändern der Beziehungsqualität von großer Bedeutung.


Die Praxis der gleichen Würde von Jesper Juul
Egal, wie problematisch wir das Verhalten von Kindern empfinden, wir sollen nie aufhören, sie als Menschen gleicher Würde zu behandeln.
 

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Wenn wir verhaltensauffälligen Kindern unsere Aufmerksamkeit zuwenden, dann konzentrieren wir uns in der Regel auf ihr unangepasstes Verhalten. Wir nehmen diese Kinder nicht wahr als die, die sie sind, sondern versuchen zu erklären, warum sie so geworden sind, wie sie sind. Wir forschen nach Ursachen von Symptomen. Fast ein ganzes Jahrhundert lang haben Psychologie und Pädagogik versucht, Verhalten zu klassifizieren, nach Symptomen zu ordnen, Symptome und Störungen zu diagnostizieren. Dies alles in der Annahme, dass wir bei exakter Diagnose eine Methode zur Behandlung abweichenden Verhaltens entwickeln könnten. Auf diese Weise behandeln wir nicht Menschen, sondern Symptome.
Ich sage nicht, dass diese Kinder keine Symptome haben oder kein symptomatisches Verhalten zeigen. Natürlich sollen Erwachsene Kinder an unsozialem Verhalten hindern. Ich rede nicht denjenigen das Wort, die sagen, „Kinder sind frei, zu tun, was sie wollen“. Doch wir müssen Kindern auf eine ganz andere Art und Weise begegnen. Mein Konzept ist, herauszufinden versuchen, wer das Kind ist, nicht zu erklären, warum es sich so verhält. Das ist der einzige Weg, zum Kind eine Beziehung herzustellen, die trägt.
Das defizitäre Menschenbild von Psychologie und Pädagogik wird Kindern nicht gerecht. Ich gehe hingegen davon aus, dass das Kind grundsätzlich von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist wie ein Erwachsener. Diese Kompetenz, die sich entsprechend seiner Reife äußert, muss ihm nicht erst durch Erziehung beigebracht werden.
Die traditionelle Erziehung benutzt überwiegend verbale Strategien und ignoriert damit, dass Kinder Verhalten durch Imitation lernen. Kinder müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich durch Nachahmung in die Kultur ein. Auf diese Weise kooperieren Kinder.

 
Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt, dass das Kind sich dumm fühlt oder falsch. Auch wenn der Umgangston eher freundlich und verständnisvoll ist, kommt dennoch die Botschaft rüber: „Du bist nicht gut genug.“ Damit wird dem Selbstbild und der Selbstachtung des Kindes großer Schaden zugefügt, und dagegen kann ein Kind sich nicht wehren. Gibt man das defizitäre Bild von Kindern auf, ergibt sich daraus auch eine völlig andere Herangehensweise in der Praxis. Letztes Jahr beriet ich beispielsweise ein Heim, das für Jugendliche vorgesehen war, bei denen alle Maßnahmen versagt hatten. Die Arbeit dort war für die Pädagogen so schwierig, dass sie sie nicht aushalten konnten. Die Jugendlichen waren minderjährig und schulpflichtig. Die Hauptaktivität der Betreuer bestand darin, die Jugendlichen zu motivieren. Schon bei der Begrüßung wurde versucht, den Jugendlichen, die meist notorische Schulschwänzer waren, die heimeigene Schule schmackhaft zu machen, doch nur eine Minderheit besuchte regelmäßig die Schule.

Meine Arbeit zielte darauf, in dieser Institution den grundlegenden Ansatz zu verändern. Die Betreuer sollten die Verantwortung für den Schulbesuch an die Jugendlichen zurückgeben. In einem viertägigen Workshop trainierten wir mit allen 13 Betreuern im Rollenspiel ausschließlich die Begrüßungssituation. „Laut Gesetz müsst ihr zur Schule gehen“, übten die Pädagogen zu sagen, „und wir haben hier zwei Lehrer, die den Unterricht erteilen. Aus deinen Papieren wissen wir, dass zur Schule zu gehen das Letzte ist, wozu du Lust hast, denn du hast damit eine Menge schlechter Erfahrungen gemacht. Du kriegst drei Wochen Zeit, dich zu orientieren und dir über den Schulbesuch klarzuwerden. Nach drei Wochen sollte dein Entschluss gefasst sein.“ Die Jugendlichen fragten natürlich: „Und was ist, wenn ich nicht zur Schule gehe? Fliege ich dann?“ Die Antwort war: „Nein.“
Die Jugendlichen waren vollkommen verdattert. „Was?“ fragten sie, „Es gibt keine Bestrafung oder Konsequenzen?“ – „Nein“, war die Antwort. „Du entscheidest, ob du zur Schule gehst. Wenn du Unterstützung brauchst, um zu einem Entschluss zu kommen, wenn du zum Beispiel mit einem Erwachsenen reden möchtest, kannst du das jeder Zeit tun. Aber du entscheidest, ob du zur Schule gehst oder nicht.“

Acht Monate später standen 13 der 16 Jugendlichen jeden Morgen auf und gingen zur Schule. Die Pädagogen erkannten sie, dass es sehr viele Situationen gab, in denen sie versucht hatten, die Jugendlichen zu motivieren, und dass sie einfach damit aufhören konnten. Sie merkten, dass sie auf diese Weise eine Menge Zeit, Kraft und Nerven sparten und waren seither viel zufriedener mit ihrer Arbeit.

Das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen sollte immer von Gleichwürdigkeit bestimmt sein. Gleiche Würde heißt, jede Person in ihrer Verschiedenartigkeit anzuerkennen. Den Begriff „Gleichberechtigung“ hingegen finde ich irreführend zur Beschreibung der Eltern-Kind-Beziehung, denn gleiches Recht legt gleiche Pflichten nahe, verbunden mit gleicher Verantwortung – und die kann es in der Eltern-Kind-Beziehung nicht geben. Der Erwachsene ist immer verantwortlich für die Qualität seiner Beziehung zum Kind. Die Praxis der gleichen Würde heißt nicht, dass Kinder alles entscheiden müssen. Demokratie kann es innerhalb der Familie nicht geben, denn Kinder sind vollständig von den Eltern abhängig. Wir können unsere Kinder auf die Demokratie vorbereiten, aber die Eltern-Kind-Beziehung kann nicht demokratisch sein.

©Jesper Juul, www.familylab.de

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»familylab« ist eine Organisation für Beratung und Kompetenzentwicklung, aufgebaut und basierend auf Erfahrungen und Theorien zur Beziehung innerhalb einer Familie. »familylab« hat das Ziel, Eltern Lehrern, Mitarbeitern, Informationen und hochprofessionelle Fertigkeiten zur Lösung von Konflikten anzubieten, um deren Beziehungen zu bereichern - außerdem bieten wir ein zusammenhängendes Feld von Werten für die Interaktion von Menschen in Familien, Schulen und Betrieben.
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